In unserem Beitrag Adventskalender sind wir schon auf einige Hintergründe und Rituale der Adventszeit eingegangen. Doch welche Bedeutung hat die Adventszeit, warum wird Advent gefeiert? In diesem Beitrag wollen wir uns der Vorweihnachtszeit aus Sicht der Anthroposophie nähern.

In der Adventszeit befindet wir uns hier in unseren Breitengraden in der Zeit der sogenannten Wintersonnenwende. Kurz vor Weihnachten ist der Moment der längsten Nacht, der Wintersonnenwende. Anthroposophisch betrachtet ist die Erde ebenso ein Organismus wie andere Lebewesen und geht während eines Jahres durch einen großes Atemprozess.

Im Sommer, zu Johanni, zur Sommersonnenwende, ist der Zustand der Erde vergleichbar mit einem Menschen, der restlos ausgeatmet hat, sich und sein Inneres ganz hingeströmt hat in das Außen. Kurz drauf beginnt der Einatmungsprozess und zur Adventszeit hält die Erde quasi den Atem ganz bei sich. Wir können das in der Betrachtung der Natur erleben. Wie anders zeigt sich diese in den dunklen Herbst- und Wintermonaten. Wie fern scheint die Fülle und das Hingeben des Sommers zu sein. Schaut man von Hügeln hinab auf die Wälder ins Tal, dann wirkt es gleichsam, als würde alles etwas schwerer auf der Erde lasten, etwas tiefer liegen.

Wir Menschen sind geneigt, mit dem Ein- und Ausatmungsprozess der Erde mitzugehen. Im Sommer sind wir draußen, sind mehr im Außen als im Innen. Im Winter findet Einkehr statt, wir machen es uns Zuhause gemütlich, ziehen uns in unseren kleinen Kreis zurück. Was im Sommer im Gemüt oftmals leicht und vibrierend erlebt werden konnte, neigt dazu, in der dunklen Zeit zu einer Schwere zu werden. Wir stehen zwischen den Jahren, ein ganzes Jahr liegt hinter uns. Vor uns liegt das Weihnachtsfest, die 12 Heiligen Nächte und nach Silvester ein neues Jahr.

Advent: Ankunft, Erscheinung und Abenteuer!

Welch kräftiges Bild ist es da, dass gerade in diese Zeit die Geburt Christi fällt. Ein Kind wird in einem Stall geboren! Schutzlos scheint es und doch verändert es die Welt. In diesem Sinne heißt der Advent nach adventus „Ankunft“. All diesen oben geschilderten Bildern können wir auf der Gefühlsebene folgen. Die Wärme des Zuhauses, das Licht der Kerzen, der Duft von Bienenwachs, Tannen und Gebäck, all die Rituale, wie der Adventskalender, das Schmücken der Wohnung und das Basteln von Geschenken spricht unsere Gemütsseele an.

In unserer heutigen Zeit wird es immer bedeutender, dass wir nicht allein im Gefühl bei den Dingen verweilen. Die Geschehnisse der Adventszeit und die in ihr liegenden Möglichkeiten auch gedanklich zu erfassen, schenkt uns Wachheit und Klarheit. Gedanklich können wir erfassen, welche Neuerung mit dem Erscheinen des Christus auf der Erde geschehen ist. Das Gesetz des Alten Testaments „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ wurde durch den Christusimpuls gewandelt in „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“. Sich in der Adventszeit mit dem Zuschreiten auf die Weihnacht mit dieser Verwandlung und ihrer Bedeutung gedanklich auseinander zu setzen, kann auch eine Möglichkeit sein, Advent zu feiern. In diesem Sinne heißt der Advent in seiner griechischen Übersetzung epipháneia „Erscheinung“.

Eine dritte Möglichkeit, sich mit dem Advent zu verbinden und sich innerlich auf die Adventszeit vorzubereiten, kann in dem gefunden werden, was Rudolf Steiner den umgekehrten Kultus nennt. Beim Kultus, wie er zur Zeit gelebt wird, ist ein Eingeweihter der Vermittler zwischen Gemeinschaft und geistiger Welt. Im umgekehrten Kultus finden sich Menschen aus innerer Freiheit heraus zu einer gemeinsamen geistigen Arbeit zusammen. Das Übersinnliche wird hier nicht in die Welt herab geholt, sondern „die geistig strebende Gemeinschaft erhebt sich im gemeinsamen Tun vom Sinnlichen zum Geistigen. Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen in dieser Gemeinschaft einander nicht bloß äußerlich gegenüberstehen, sondern dass ein wirkliches Erwachen am anderen Menschen stattfindet.“ Rudolf Steiner sagt dazu in GA 257:

Der Mensch muß mehr werden, als er dem Menschen immer war. Er muß ihm zu einem weckenden Wesen werden. Die Menschen müssen sich näherkommen, als sie sich bisher gestanden haben: zu einem weckenden Wesen muß jeder Mensch, der einem andern entgegentritt, werden. Dazu haben eben die modernen Menschen, die ins Leben jetzt hereingetreten sind, viel zu viel Karma aufgespeichert, als daß sie nicht ihr Schicksal verbunden fühlen würden, ein jeder mit dem, der ihm im Leben als anderer Mensch entgegentritt. Wenn man in frühere Zeitalter zurückgeht, da waren die Seelen jünger, da haben sie weniger karmische Zusammenhänge gehabt. Jetzt tritt eben die Notwendigkeit ein, daß man nicht nur durch die Natur erweckt wird, sondern durch die Menschen, die mit einem karmisch verbunden sind und die man suchen will.“ 

Dies als Aufgabe für die Zeit vor Weihnachten, dies als Sinn der Adventszeit zu nehmen und sich darin zu üben und auszuprobieren, führt uns zu der dritten Bedeutung, die Advent haben kann: adventure – das Abenteuer.

In diesem Sinne wünschen wir uns allen eine erwartungsvolle und abenteuerliche Adventszeit!

Euer Team vom Waldorfshop

 

 

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