Nach Rudolf Steiner sollte die Stimmung der ersten sieben Lebensjahre eines Menschen unter dem Motto „Die Welt ist gut“ stehen.

Was bedeutet diese Aussage für die alltägliche Arbeit, das Zusammenleben mit Kindern – vor allem in dieser Zeit?

Um einer Antwort auf die Spur zu kommen, können wir über die Bedeutung des 1. Jahrsiebts aus anthroposophischer Sicht forschen und uns hier auch mit den unteren Sinne, um deren Reifung es in dieser Zeit insbesondere geht, beschäftigen.

Das 1. Jahrsiebt

In der Anthroposophie und besonders in der auf ihr beruhenden Biografiearbeit wird das Leben eines Menschen in Jahrsiebte unterteilt. In jedem Jahrsiebt stehen bestimmte Entwicklungsschritte und – möglichkeiten im Vordergrund.

Am Beginn des 1. Jahrsiebt steht die physische Geburt des Menschen. Das Kind verlässt den schützenden und Hülle gebenden Leib der Mutter und ist nun der Außenwelt mit all ihren Sinneseindrücken ausgesetzt. In der folgenden Zeit geht es in der Entwicklung des Kindes vor allem um Wachstum und Formgebung des Körpers. Gemeinsam mit den Vererbungskräften bilden und formen die Ätherkräfte den physischen Leib; so nehmen die Organe ihre ihnen gemäße Form an und der Körper individualisiert sich immer mehr. Am Ende des 1. Jahrsiebt steht der Gestaltwandel des Kindes und der Beginn des Zahnwechsels.

In den ersten drei Jahren lernt das Kind gehen, sprechen und denken und ergreift so in dreifacher Weise die Welt. Gegen Ende dieser Zeit erlebt es das erste Erwachen des Ich-Bewusstseins, die sogenannte Trotzphase. Das Ich des Kindes steht nun in seinem Erleben erstmals der Welt gegenüber: Hier bin ich – da ist die Welt.

Auch in die Zeit der ersten drei Jahre fällt die Entwicklung des Willens, nach Steiner eine von drei Seelentätigkeit (Denken, Fühlen, Wollen), mit denen das Ich des Menschen in der Welt wirksam werden kann.

In dem Buch „Die Erziehung des Kindes“ schreibt Rudolf Steiner:

„Es gibt zwei Zauberworte, welche angeben, wie das Kind in ein Verhältnis zu seiner Umgebung tritt. Diese sind Nachahmung und Vorbild.“

Dies bedeutet, das Kind lernt durch Erleben der Dinge. Die Umgebung des Kindes wirkt ebenso erziehend wie die Menschen um es her. So geht es, pädagogisch gesehen, im 1. Jahrsiebt vor allem darum, dem Kind die richtige Umgebung zu schaffen – und zur Umgebung gehört wirklich alles, was das Kind wahrnehmen kann – und um die Pflege seines physischen Leibes. Wie diese Pflege aussehen kann, ergibt sich aus den Erkenntnissen über die unteren Sinne und daraus, welche Pflege diese zu ihrer Entwicklung bedürfen.

Die unteren Sinne

Die leibliche Grundlage der Seele sind die Sinne. Die Sinneswahrnehmungen finden an der Schwelle zur Außenwelt statt. Durch die Sinne nimmt der Mensch zum einen seine Außenwelt wahr (Eigenwelt, Umwelt und Mitwelt) und zum anderen schafft und bildet er sein Ich. Mensch erfährt: Ich bin hier auf der Erde in meinem Leib. Die Sinne sind also sozusagen das Eingangstor für das Ich in die Welt. Das Ich ist Empfänger und Wahrnehmer der Sinneseindrücke.

Nach Rudolf Steiner verfügt der Mensch über 12 Sinne. Ging die Naturwissenschaft früher von fünf Sinnen aus, so sprechen auch sie dem Menschen mittlerweile mehr Sinne zu. Die 12 Sinne werden unterteilt in die vier oberen Sinne (Hör-, Sprach-, Ich- und Gedankensinn), die vier mittleren Sinne (Geruchs-, Geschmacks-, Seh- und Wärmesinn) und die vier unteren Sinne (Tast-, Lebens-, Eigenbewegungs- und Gleichgewichtssinn). Durch die unteren Sinne nimmt der Mensch die Eigenwelt, die eigene Leiblichkeit wahr.

Nach Rudolf Steiner sind die unteren Sinne die eigentlich spirituellen Sinne, da der Mensch durch sie seine Veranlagungen aus dem Vorgeburtlichen in seine Leiblichkeit mit hinein nehmen kann.

Tastsinn

Das Organ des Tastsinns sind die Druckpunkte, die unter der Haut in unterschiedlicher Dichte vorkommen. Durch den Tastsinn wird Berührung, Druck, Kraft, Schmerz und Temperatur vermittelt. Er schafft damit eine Art Hohlkörper. Der Mensch kann durch ihn die Grenzen seiner eigenen Leiblichkeit und die Beschaffenheit der Außenwelt wahrnehmen. Ertaste ich einen Gegenstand, teilt sich dieser mir mit und ich komme zu zwei Erlebnissen: Zum einen ist da das Erlebnis „Ich verbinde mich mit der Welt“ und zum anderen entsteht das Erlebnis von Widerstand und Trennung. Zwischen diesen beiden Polen bewegt und entwickelt sich das Kind im 1. Jahrsiebt. Die erste starke Tastsinnwahrnehmung ist die Geburt des Kindes, bei der es sich durch den engen Geburtskanal und die Kontraktionen der Wehen zwängt.

Wird der Tastsinn angemessen gepflegt, ermöglicht dies dem Kind ein gutes Selbstgefühl und dadurch Selbstvertrauen. Bei einer Vernachlässigung oder Überreizung des Tastsinns kann es zu Angstgefühlen kommen.

Lebenssinn

Der Lebenssinn gibt Empfindungen, die den vom Tastsinn geschaffenen „Hohlraum“ füllen. Durch ihn wird die Funktion der Organe, das physiologische Geschehen im Körper, wahrgenommen. Die Wahrnehmungen bleiben im Unbewussten, solange keine Störungen vorliegen. Ist alles gut, spürt man nichts und fühlt sich gesund.

Bei einem gut gepflegten Lebenssinn entsteht ein Wohlgefühl. Störungen des Lebenssinns äußern sich in Schrei-, Schlaf- und Regulationsstörungen. Sowohl das Erwerben einer Frustrationstoleranz als auch der Umgang mit (Kinder-) Krankheiten, Impfungen etc. spielen in den Bereich des Lebenssinns hinein.

(Eigen-) Bewegungssinn

Der Bewegungssinn ist die Grundlage zur Nachahmungsfähigkeit. Diese läuft reflektorisch ab. Durch den Bewegungssinn wird der Raum erfasst sowie Eigen- und Fremdbewegungen. Dieser Sinn entwickelt sich gemeinsam mit der Bewegungsentwicklung des Kindes. Die Bewegungsentwicklung des Kindes ist ein Inkarnationsprozess. Etwa 20 Jahre muss der Mensch sich hineinarbeiten in Muskeln, Knochen, Nerven und Sehnen seines Körpers.

Umso freier dies geschehen kann desto größer auch die Stärkung der positiven Seite des Lebenssinns: In Freiheit handeln zu können. Ist die Bewegungsentwicklung aber eher eingeschränkt oder orientierungslos, entsteht als Folge eine Stauung der Selbstwirksamkeit des Kindes, was zu aggressiven Verhalten führen kann.

Gleichgewichtssinn

Die organische Grundlage für den Gleichgewichtssinn liegt in den Bogengängen des Innenohrs. Der Gleichgewichtssinn macht die Aufrechte erlebbar und das motorische Aufrechtstehen möglich.

Ist der Gleichgewichtssinn gesund entwickelt, entsteht ein gewisses inneres, seelisches Gleichgewicht, Ruhe. Liegen Störungen vor, kann es zu Hyperaktivität und zu Aufmerksamkeitsstörungen kommen.

Willensentwicklung des Kindes

In der „Allgemeinen Menschenkunde“ betont Rudolf Steiner, dass in Zukunft in der Erziehung besonderer Wert auf die Gemüts- und Willenserziehung des Kindes gelegt werden soll. Dazu, so betont er, ist eine Einsicht in die wirkliche Natur des Willens notwendig. Im eben genannten Buch führt er aus:

„(…) Gefühl ist werdender, noch nicht gewordener Wille; aber im Willen lebt der ganze Mensch, so dass man auch bei dem Kinde rechnen muss mit den unterbewussten Entschlüssen. Hüten wir uns vor dem Glauben, dass wir mit allem, was wir meinen gut ausgedacht zu haben, auf den Willen des Kindes einen Einfluss haben. Wir müssen uns daher fragen: Wie können wir einen guten Einfluss auf die Gefühlsnatur des Kindes bringen? Das können wir nur durch das, was wir einrichten als das wiederholendliche Tun. Nicht dadurch, dass Sie dem Kind einmal sagen, was richtig ist, können Sie den Willensimpuls zur richtigen Auswirkung bringen, sondern indem Sie heute und morgen und übermorgen etwas von dem Kinde tun lassen.“

In diesem Zitat liegen nun wesentliche Punkte, wie und wodurch die Willensentwicklung eines Kindes gestärkt werden kann. Dazu gehören zum einen Regelmäßigkeit und Rhythmus; dies pflegt zugleich den Lebenssinn. Zum anderen ist es gut, das Kind sinnvolle Tätigkeiten erleben und selber ausführen zu lassen. Es kann nicht darum gehen, Moralpredigten zu halten, dem Kind versuchen durch Erklärungen Sachen verständlich zu machen, sondern das Kind sollte erleben und nachahmen können, was gut und richtig ist.

Ein weiterer Hinweis für die Willensentwicklung des Kindes kommt von Emmi Pikler. Ihr Ausspruch: „Lass mir Zeit, es selbst zu tun!“ ist hierfür beispielhaft. In der Bewegungstätigkeit erlebe ich den Willen. Wie schon in der Bewegungsentwicklung, ist es daher auch für die Willensentwicklung des Kindes wichtig, dem Raum und Zeit zu geben, sich mit den Dingen und Menschen der Umgebung und mit sich selbst, auf ganz individuelle Art bekannt zu machen. Das Kind kann so z.B. durch wiederholten und eigenständiges Tun, Rückschläge in positive Anstrengung verwandeln und am Widerstand erkraften. Dadurch entwickelt sich die Frustrationstoleranz. Um das Kind im rechten Maße frei lassen zu können, braucht es eine sichere Bindung, eine Bezugsperson, dem dem Kind den vertrauten Untergrund gibt. Zu einer guten, sicheren Bindung gehört auch, dass ich Vertrauen in das Kind habe und ihm den Freiraum lasse, Erfahrungen selbst zu machen. Zudem nehme ich seine Willensbekundungen wahr und ernst. Mein Ziel kann nicht sein, den Willen des Kindes zu brechen oder zu manipulieren, doch oft bittet uns dass Kind um Führung und Hilfe bei der Verwandlung des Willens. Dies ist ein schmaler Grad und zu Recht kann an dieser Stelle von Erziehung-„Kunst“ gesprochen werden. Wichtig ist die Haltung des Erwachsenen. Wenn das Kind erleben darf, dass wir mit Hingabe und Freude bei unserer Tätigkeit sind, ahmt es dies auch nach. Rudolf Steiner spricht und diesem Zusammenhang von den „heiteren Mienen“ der Erziehenden.

„Die Welt ist gut“

Wie passt nun in all das, was im 1. Jahrsiebt eine Rolle spielt, der Satz „Die Welt ist gut“ als Motto?

Wir alle sehen ja, dass die Welt so erstmal alles andere als gut ist. Gerade in dieser Zeit, in der wir beinah unseren gesamten Alltag umstellen, Regeln einhalten müssen und sich das Leben immer stärker im digitalen abspielt, wo Kriege schon kein Aufsehen mehr erregen, Kinder Hunger und Gewalt erleben, die Umwelt uns mit immer krasseren Katastrophen begegnet und der bevorstehende Weltuntergang zelebriert wird.

Bedeutet dies nun, dass ich die „echte“ Welt solange wie nur möglich vom Kind fern halten sollte, damit sie gut ist? Der Autor Mathias Wais sieht in solch einer Haltung seitens der Erwachsenen eine der größten Bedrohungen für Kinder und eine der Gründe für spätere Drogenabhängigkeit. In seinem Buch „Suchtprävention beginnt im Kindesalter“ ruft er die Eltern auf, Begleitende und Fördernde der Kinder bei deren Auseinandersetzung mit der Welt zu sein. Er warnt vor übermäßigem Beschützen der Kinder und glaubt daran, dass Kinder sehr wohl wissen, was sie sich zutrauen können und was nicht. Kann das Kind die Welt, in die es sich inkarnieren möchte, nicht spüren und erleben, wird es ferngehalten von ihr, kann es mit seinen vorgeburtlichen Impulsen nicht anknüpfen an sein jetziges Erdenleben. Letztendlich deckt sich seine Ansicht mit der Emmi Piklers.

Den Kindern die Steine auf ihrem Weg nicht beiseite räumen, sondern ihnen helfen, diese zu überwinden und zu wandeln, ist Aufgabe von uns Erwachsenen. Also kann die Bedeutung des Satzes nicht darin liegen, dass ich den Kindern die Welt durch Selektion gut mache, sondern dass ich selbst in einer Stimmung des Sinnenhaften lebe: „Es ist nicht immer einfach mit all den Steinen auf dem Weg, aber es ist möglich, sie zu überwinden, zu wandeln und ich bin da, du bist nicht allein.“

Die Kinder werden nach und nach selbst erleben können, wie und warum die Welt ist, wie sie ist. In den ersten Jahren ist es wichtig zu erleben, dass sie ist. Und das können Kinder am besten dadurch, dass wir ihnen Raum dafür geben (Und durchaus manchmal auch einen Schutzraum), sie zu erleben mit all ihren Sinnen.

Erziehung mit Gelassenheit können wir es auch nennen.

Wenn ich aus einem Samen einen Baum ziehen will, wird mit das nicht gelingen, wenn ich ihn fernab von Regen, Wind, Sonne und Ungeziefer wachsen lasse. Er wird bei der kleinsten Unregelmäßigkeit erkranken und absterben. Aber es wäre auch verheerend, ihn zu früh den Herbststürmen oder dem Frost auszusetzen. Das gesunde Maß dazwischen und das Vertrauen die Erde und alle Kräfte, die da wirken und in die Urkraft dieses Samen werden aber vielleicht einen Baum entstehen lassen, der mit starken Wurzeln, kräftigem Stamm und weit verzweigten Ästen die Welt bereichern kann.

 

Quellen:

Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft“ – Rudolf Steiner

Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik“ – Rudolf Steiner

Theosophie“ – Rudolf Steiner

„Miteinander vertraut werden“ – Emmi Pikler

Suchtprävention beginnt im Kindesalter“ – Mathias Wais

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