Bild: Gertrud Reidl

 

Der Geburtstag im Waldorfkindergarten ist ein ganz besonderer Tag für jedes Geburtstagskind. Ein Vormittag, in dem das Kind gefeiert wird, Geschenke bekommt. Aber auch noch einmal die Geschichte seiner Himmelsreise und letztendlichen Geburt werden an diesem Tag für und mit ihm imaginiert.

Man muss sich also zuallererst vor Augen führen, dass wir in der Anthroposophie und Waldorfpädagogik von Reinkarnation ausgehen. Das Geistige verbindet sich mit dem Körper, der Mensch wird geboren. Eine Einheit aus Geist und Körper entsteht. Das Kind legt sozusagen das Himmelskleid ab und bekommt dafür ein Erdenkleid.
In dieser Erfahrungswelt bewegt sich auch der Kindergeburtstag im Waldorfkindergarten. Der Mensch als ein ewiges geistiges Geschöpf, aus dem physischen Körper und seinen unsichtbaren Leibern. Er ist als dreigliedrige Wesenheit verstanden, aus Leib, Seele und Geist. 

Rudolf Steiner beschreibt die drei Wesensglieder in verständlicher Art und Weise wie folgt: 

„Mit Leib ist hier dasjenige gemeint, wodurch sich dem Menschen die Dinge seiner Umwelt offenbaren […]. Mit dem Worte Seele soll auf das gedeutet werden, wodurch er die Dinge mit seinem eigenen Dasein verbindet, wodurch er Gefallen und Mißfallen, Lust und Unlust, Freude und Schmerz an ihnen empfindet. Als Geist ist das gemeint, was in ihm offenbar wird, wenn er, nach Goethes Ausdruck, die Dinge als «gleichsam göttliches Wesen» ansieht. – In diesem Sinne besteht der Mensch aus Leib, Seele und Geist.“ (Rudolf Steiner, aus der „Theosophie“)

Nach dem Tode gibt der Mensch nach und nach Wesensglieder ab, er durchlebt einen kosmischen Reinigungsprozess um dann, nach seiner kosmischen Reise, wieder neu auf Erden geboren zu werden. Von dieser Himmelsreise kommen die Kinder und bringen der Erde und uns Menschen neues Licht, Reinheit und lichtvolle Impulse von der geistigen Welt. So erleben wir ja irdisch auch die Neugeborenen und Kinder im Allgemeinen. Sie sind das Reinste, Feinste und Lichtvollste, welchem wir auf Erden im Du, im Menschsein als Gegenüber begegnen dürfen. 

Wenn wir nun in den Waldorfkindergarten und das Geburtstagsgeschehen hinein schauen, so muss man diese Sichtweise im Hinterkopf behalten. Denn der Geburtstag ist ein Tag der Erdenankunft, so wie der Tod die Himmelsankunft ist. Diese Reise wird dem Geburtstagskind in der Geburtstagsgeschichte in schönen Bildern erzählt, so dass das Kind einen warmen Nachklang der geistigen Welt, von der es noch nicht weit weg ist, geschenkt bekommt. Es erlebt sich als ein kosmisches Wesen, das keine Endlichkeit kennt, sondern in innerer seelischer Gewissheit hineinwächst in eine Schale der Geborgenheit. 

So begeht das Kind in der Geburtstagsgeschichte im Kindergarten die Himmelsreise und begegnet Sonne, Mond und den Sternen. Die Sonne schenkt ihm die goldenen Strahlen der Liebe für sein Erdendasein. Der Mond den silbernen Schein, damit es viel Mut im Herzen trägt. Die Sterne schenken ihm den Glanz, damit es Kraft im Herzen hat. So legt es sich dann auf eine Wolke und schläft tief und fest von seinen Abenteuern mit der Sternenwelt ein. Der Schutzengel weckt es schließlich zart und führt es zur Erde, zu seinen Eltern herab. Und als die Mutter in die Augen des Kindleins blickt, da sieht sie das Himmelslicht noch leuchten. 

Wer ein neugeborenes Kindlein einmal in den Armen gehalten hat, der weiß, welche zarte Reinheit vom Blick des Kindes ausgeht und welch warmer Strom der Liebe sich durch das Kind mit dem eigenen Sein verbindet. Mit dem Kind, mit dem Kosmos, mit dem lichten Strom der geistigen Welt.

So kann man, wie so oft in der Anthroposophie, eintauchen in unendliche Tiefen und Fragen des menschlichen Daseins. Man sieht etwas an der Oberfläche geschehen, wie das Geburtstagsgeschehen im Waldorfkindergarten, und kann sich sicher sein, dass ein tiefer See an Wissen hineingetaucht ist in dieses „kleine“ Geschehen Geburtstag. 

Im Tagesablauf des Kindergartens zum Geburtstagsgeschehen erlebt man nicht nur in der Geburtstagsgeschichte die Bilder der kosmischen Reise des Menschen, sondern auch in anderen vielen kleinen Gesten und Begebenheiten des Vormittages. Wie z.B. der Einzug des Geburtstagskindes in den Geburtstagsreigen mit dem Sternenwagen, Sonne und Mond und den Erdenkinder, die ihm das Geschenk überreichen. Die goldene Geburtstagskrone oder das Geburtstagsessen, welches das Kind den anderen Kindern austeilen darf usw.

Das wichtigste, was man meiner Ansicht nach wissen muss ist, dass das Prinzip der Reinkarnation in den Erzählungen der Erzieherin eingebunden ist und man darf erleben, mit welchem Frieden die Kinder in die Bilder der Himmelsreise eintauchen dürfen. Die Waldorfpädagogik legt in der Geburtstagsgeschichte den Grundstein für Ihr Credo des ersten Jahrsiebts: „Die Welt ist gut!“

 

Zum Autor: Maria ist ausgebildete Kinderpflegerin. Nach ihrer Ausbildung studierte sie Lehramt für berufliche Schulen mit der Fächerverbindung Gesundheits- und Pflegewissenschaften und Sozialkunde an der TU München. Anschließend absolvierte sie die Lehrerausbildung am Südbayerischen Seminar für Waldorfpädagogik. Derzeit arbeitet sie in einem Waldorfkindergarten im Landsberger Raum, schreibt regelmäßige Blogbeiträge für den Waldorfshop und ist verantwortlich für dessen YouTube-Kanal. Maria ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 6 und 11 Jahren.